Ritzelrechner – früher und heute

Irgendwann in den 80ern. Ein neues Rennrad sollte es sein. Stahl – etwas anderes gab es nicht. Günstig – man war ja noch Student. Und wenn möglich auf Maß – man war schließlich anspruchsvoll. Also wurden Kataloge gewälzt, Bücher gelesen, Anzeigen in Radzeitschriften studiert. Radzeitschriften? Halt, die gab es doch noch gar nicht. Es gab nur „DIE TOUR“. Sonst eigentlich nichts. Also wurden Anzeigen in der Tour studiert. Bis wir auf eine Anzeige eines westdeutschen Rahmenbauers namens Krautscheid aufmerksam wurden.

Für diejenigen, die mit den Verhältnissen in Westberlin in den 8oern nicht vertraut waren, hier eine kurze Nachhilfelektion in „Frontstadtkunde“:

© Amidasu / Wikimedia Commons

Westberlin war zuerst einmal der Nabel der Welt. Soweit dürfte dies bekannt sein – das hat sich nicht wirklich geändert. Um uns herum war die Mauer. Und drumherum „der Osten“. Und das, zu dem wir „irgendwie“ gehörten, war „Westdeutschland“. „Irgendwie“, weil wir nicht den Bundestag mitwählen durften, weil wir nicht „zum Bund“ mussten, weil bei uns ein Telefongespräch 23 Pfennig kostete – egal, wie lang es dauerte. Wollten wir dorthin, wozu wir „irgendwie“ dazugehörten, mussten wir durch „den Transit“ – drei Autobahnen, die von Berlin nach „Westdeutschland“ führten.

Ein „westdeutscher“ Rahmenbauer war also Jemand, der irgendwo in der Bundesrepublik (von uns trotzig BRD genannt) zu Hause war, und der Stahl so verlöten konnte, dass man damit herumfahren und Eindruck schinden konnte.
Aber zurück zum Thema. Wir bestellten zwei Maßrahmen bei Krautscheid. Nachdem dies geschehen war mussten alle weiteren Teile besorgt werden. Online-Bestellungen gab es noch nicht, Bestellungen in Katalogen waren kalligraphische Herausforderungen. Die meisten Teile waren vorgegeben: das Schenkelmaß der Bremsen, Maße von Steuersätzen, Felgen und Reifen.

© HILAMAT

Die Auswahl an Komponentenherstellern war überschaubar: wer es preiswert und funktional wollte, musste zu Shimano greifen, wer auf das Image Wert legte, griff zu Campagnolo (bei deutlich reduzierter Funktionalität). Reiseradler oder Menschen, die nicht Normgröße aufweisen konnnten, griffen beim Kurbelsatz zu TA.

Nur bei der Übersetzung war Kreativität gefragt. Schließlich war dies die Zeit der Zahnkranzkassetten, die noch nicht verschraubt, verlötet oder in einem Stück geschmiedet wurden: jedes Ritzel wurde einzeln geordert, aufgesteckt und bei Bedarf ausgetauscht. Bei maximal 5 – 6 Ritzeln war dies auch nötig. Deckt man heute mit einem 10er-Kassettenpaket „von der Stange“ fast alles vom Sprint in der Ebene bis hin zum leichten Berggang ab, musste man „früher“ genau überlegen, wohin es gehen sollte. Blieb es im Flachland, fuhr man mit einer 52/42 und 13-14-15-17-19. Wer etwas mehr Geld hatte, schon 6fach: 13-14-15-16-17-19. Wer in die Berge wollte, fuhr eher 52/38 (nur bei Shimano) und 14-15-17-20-23 oder 14-15-17-20-23-25(!).

Viel mehr war mit einer Rennradschaltung kaum machbar. Dreifachkettenblätter? Fehlanzeige. Wenn man genau wissen wollte, welche Übersetzung sinnvoll war, griff man zu großen Tabellen, schrieb die „Entfaltung“ bei der gewählten Übersetzung ab und stellte die möglichen Werte in einer Zeichnung dar. Das funktionierte, nur war dies ein wenig aufwändig.

Heute gibt es Tools wie den Ritzelrechner von Dirk Feeken. Man klickt die vorhandenen oder angebotenen Zähnezahlen an und sieht augenblicklich, ob diese Kombination sinnvoll oder verbesserungswürdig ist. Nicht alles, was uns das Internet bietet, ist wirklich sinnvoll. Von Hand möchte ich jedoch keine Übersetzungen mehr berechnen müssen und bin daher dankbar, dass sich Tüftler wie Dirk Feeken solche Hilfsmittel ausdenken!

Advertisements

Über BikeBlogger

Radfahrer. Blogger. Mensch. https://www.bikeblogger.de/

Veröffentlicht am 10. Oktober 2011 in Berlin, Fahrräder und Technik und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Coole Retrospektive des RR-fahrens vor dem Mauerfall. War damals noch nicht Rad-Aktiv und stelle mir das ewige Havelchausee-fahren recht nervig vor.

  2. Adrian aus Bln.Spandau

    netter Rückblick! ich hatte in den 80er das vergnügen im Kreis zu fahren 🙂 muss aber sagen das es einfach „Normal“ war, man kannte es eben nicht anders.

    ps. Radsport „Leto“ in Moabit hab ich noch im Kopf

  3. Das muss wirklich langweilig gewesen sein, immer die gleichen Strecken fahren zu müssen. Dieser Ritzelrechner ist tatsächlich genial. Als ich mir damals meine Kurbel gekauft hatte, habe ich mit dem Ritzelrechner orientiert. Am Ende wurde es eine Heldenkurbel.