Neulich auf dem Gehweg

Ich, Fußgänger, in meine Fahrradzeitschrift vertieft.

Radfahrerin mittleren Alters, auf dem Gehweg fahrend – kein Radweg weit und breit – bremst kurz vor mir ab:

Sie dürfen doch hier nicht lesen!

Ich (perplex):

Äh, doch. Sie dürfen hier nicht radfahren!

Radfahrerin im Weiterfahren:

Aber Sie dürfen mir doch nicht einfach ins Fahrrad reinlaufen!

Wundert sich noch jemand darüber, wie Radfahrer in den Medien dargestellt werden?

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Über BikeBlogger

Radfahrer. Blogger. Mensch. http://www.bikeblogger.de/

Veröffentlicht am 16. September 2011 in Allgemeines, Berlin und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Von denen gibt’s leider zu viele… Ich glaub, den meisten ist es auf der Straße „gefühlt“ zu gefährlich und deswegen denken sie, es sei doch ganz normal, auf dem Gehweg zu fahren.
    Mein Vater ist auch so einer.

  2. Also mir ist neulich etwas ähnliches passiert. Ich mit Kind, Hund und Gepäck auf dem Gehsteig beim Multistasking und etwas genervt. Auf Altachtendsechziger gestylter Mann um die Mitte, Ende 40 klingelt mich an.
    Ich dreh mich etwas verwirrt um und sage bemüht Hund, Kind und Gepäck in Sicherheit zu bringen, „das ist kein Radweg“. Er wird renitent: „Das kannst Du doch vor deinem Kind nicht machen! Ist doch peinlich!“
    Ich etwas baff, „wenn Du schon was falsch machst dann bleibt wenigstens höflich“.
    Er „Junge, %&$#*!“
    Ich, „Selber Junge“ und bin schon längst im Gehen begriffen aber der Typ bleibt stehen zetert mir noch hinterher mit seinen langen teils grauen Haaren.
    Also wer schon auf dem Fußweg fahren muss der soll sich gefälligst zurücknehmen. Manche Leute sind wohl zu frech und pampig zum Rad fahren.

  3. Woher DER SPIEGEL wusste, dass ich für den 16.09. diesen Artikel geplant hatte, weiß ich natürlich nicht. Auf jeden Fall haben die Kollegen bewundernswert schnell reagiert und das Thema zum Spiegel-Titelthema gemacht. Spiegel-typisch stellenweise überzogen, aber inhaltlich im Großen und Ganzen korrekt. Wer es lesen mag, muss die Ausgabe leider kaufen. Oder den Artikel von Holger Dambeck (Redakteur Spiegel Online) kostenlos lesen, der sich aus einem anderen Blickwinkel ebenfalls mit dem Thema befasst.
    Kritik am Spiegel-Titelthema findet man unter 48zwoelf.de oder im E-rad Hafen.

  4. Ich denke (sowohl was den Spiegel-Artikel als auch Dein Erlebnis betrifft), dass es ein ganz starkes Wahrnehmungsproblem ist. Wie steht es schon so schön in der Bibel, von wegen, den Splitter im Auge des Anderen sehen, den Balken im eigenen aber nicht…

    Will sagen, den Radler, der eine Ampel bei Rot überquert, sehe ich aus meinem Autofenster ganz gut, dass ich diesen Radler später aber mit nur beispielsweise 50cm Seitenabstand überhole, kommt mir gar nicht so schlimm vor (und außerdem fahre ich ja sehr gut, und außerdem war da halt nicht mehr Platz, und außerdem…).

    Mein Wunsch wäre einfach, dass rücksichtsvoller gefahren würde. Und das muss nicht zwingend gleichbedeutend sein mit dem zwanghaften Befolgen von Verkehrsregeln. Man könnte im Einzelfall (z.B. morgens um halb sieben in der Kleinstadt) auch eine rote Ampel überqueren, ohne dass es irgendwen stört (weil niemand sonst da ist). Dass dies im Zweifelsfall sicher mehr Rad- als Autofahrer tun, liegt wohl eher an den Konsequenzen und der Auffindbarkeit durch das Autokennzeichen als an der unterschiedlichen Grundeinstellung. Ich glaube wirklich, dass durch etwas mehr Rücksichtsnahme der Straßenverkehr wesentlich stärker entspannt würde als durch stärkeres Kleben am Gesetz. Ich wohne in Grenznähe zum Elsass, wo die Verkehrsteilnehmer bis vor einigen Jahren genau dies praktizierten. Als Außenstehendem kam einem der Verkehr immer furchtbar chaotisch vor, aber wenn man mal genauer schaute, gab es weniger Unfälle und Pöbeleien, obwohl solche Dinge wie vorfahrtsregelnde Zeichen und Ampeln stellenweise eher als freundliche Empfehlungen denn als zwingende Verhaltensvorgaben angesehen wurden. Nun werden die Kontrollen in Frankreich seit einigen Jahren ständig mehr und die Strafen sind drastisch (eigenes Erlebnis: nachts mit dem Rad langsam an einem Stoppschild vorbeigerollt, ohne richtig zu halten: 90 Euro. Bei uns wären es vermutlich 5 geworden, da i.A. ja Radler den halben Autotarif zahlen) – folglich verwenden die Verkehrsteilnehmer einen spürbaren Anteil ihrer Konzentration darauf, die Regeln peinlich genau zu beachten. Folge: das eigentliche Fahren geschieht unkonzentrierter, man sieht z.B. in Strasbourg immer häufiger Auffahrunfälle, die Stimmung scheint rauer. Das perverse ist: die Befürworter der stärkeren Überwachung sehen diesen Anstieg der Probleme auch noch als Legitimation für ihr Tun…

  5. Grundsätzlich gebe ich dir Recht.
    Wo ist aber das Wahrnehmungsproblem, wenn sich jemand offenkundig falsch verhält (Radfahrerin auf dem Gehweg) und andere kritisiert (ich als Fußgänger auf dem Gehweg)? Das hat doch eher etwas damit zu tun, dass entweder ein völliges Unverständnis in Bezug auf Verkehrsregeln vorliegt – oder komplette Ignoranz.
    Aber egal, das muss nicht weiter diskutiert werden, ist eher eine völlig unnötige Anekdote.

    Wo ich dir widerspreche ist das Verhalten in Bezug auf Ampeln. Mag sein, dass es in Kleinstädten oder auch mal Nachts an ruhigen Kreuzungen häufig völlig ungefährlich ist, Ampeln als „freundliche Empfehlung“ anzusehen. Ich erlebe es leider in Berlin regelmäßig, dass (leider – oder zum Glück?) wirklich fast ausschließlich von Fahrradfahrern rote Ampeln ignoriert werden – ungeachtet der Tageszeit und des sonstigen Verkehrs. Nicht nur einmal musste ich als vorfahrtsberechtigter Radfahrer deswegen bremsen, um einen Unfall zu verhindern. Es ist halt die Einstellung vorhanden: andere passen schon auf, Autos haben gute Bremsen etc. Bis es kracht. Da hört bei mir der Spaß auf.

  6. Es ist leider richtig daß bei vielen Radfahrern die Mentalität vorherrscht überall und immer fahren zu können, egal ob die Ampel rot zeigt oder der Zebrastreifen gerade von Fußgängern genutzt wird die sich dann durch querende Radler gefährdet sehen. Als Fahrradfahrerin muß ich mich im Straßenverkehr so bewegen das ich nicht andere gefährde, da herrscht bei vielen Ignoranz und Unverständnis vor. Während ich mich bei einem Rotlichtverstoß oft selbst gefährde, wird es kritischer wenn Autofahrer dies tun. Und ich erlebe seit einiger Zeit das dies verstärkt im Berliner Straßenverlehr zu beobachten ist (z.B. Siegessäule, An der Urania). Kaum eine Kreuzung bei der nicht noch bei glattem Rot gefahren wird. Da hört für mich der Spaß auf. Ich finde es handelt sich hier um ein gesamtgesellschaftliches Problem – das soll Rowdy-Radler nicht entschuldigen (im Gegenteil!) aber darauf hinweisen daß wir alle das Problem sind. Ich würde mich hier mehr Aktionen durch Organisationen und Politik wünschen. Und ich wünsche daß die Polizei hier stärker präsent ist.

  7. „…dass wir alle das Problem sind…“ – nee, so’ne Verallgemeinerung jetzt bitte nicht. Ich geh da ziemlich mit dem BikeBlogger konform, und Rotlichtverstöße, die nicht unter „noch mal eben rüberfahren“ fallen, sehe ich auf meinen täglichen 20 km durch die Stadt praktisch ausschließlich bei Radfahrern – 20 oder mehr am Tag, kein Problem. Rücksichtslosigkeiten leider genauso. Da sind einige das Problem, aber eben nicht wenige und fast alle auf dem Rad. Klar, dass Autofahrer andere Probleme verursachen, aber das ist hier nun mal nicht Thema.

    Um bei den Anekdoten zu bleiben (die hier durchaus in den Rang des pars pro toto gelangen können): Zu schneller Radfahrer auf dem Fußweg fährt weggetretene Frau mit Ohrstöpseln fast um. Nicht bloß einmal erlebt. Oder: Radfahrer wird auf dem Bürgersteig von Fußgänger „überrascht“ und weicht in parkendes Auto aus. Oder: Radfahrer auf der Straße wird von ohrgestöpseltem Fußgänger „angelaufen“. Manche Tage finde ich dann strange…