150.000 Radfahrer, Henryk M. Broder und ein Wahlversprechen

Die Fahrradsternfahrt 2011 ist schon wieder Geschichte. Grund genug, die Geschichten um diese Sternfahrt herum zu erzählen.

Die Demonstration: 150.000 Radfahrer und die Sonne

10:30 Uhr, S-Bahnhof Wilhelmsruh. BikeBlogBerlin war heute inkognito als Ordner des ADFC zur Stelle. Strahlender Sonnenschein hieß die ersten Wartenden willkommen. Noch war der Demonstrationszug, der sich von Oranienburg kommend die Straßen Brandenburgs und Nordberlins erobernd näherte, nicht in Sicht. Die Wilhelmsruher und Reinickendorfer, die hier am S-Bahnhof warteten, waren gelassen und gut gelaunt. Ein junges Paar kam aus Oranienburg auf Mountainbikes. In Oranienburg waren sie zu spät angekommen, so dass sie kurzerhand mit der S-Bahn bis Wilhelmsruh fuhren.

Treffpunkt S-Bahnhof Wilhelmsruh

Pünktlich erreichte uns der Fahrradtross, die Wartenden reihten sich ein. Schon hieß es auch für uns: wir sind Teil einer der größten Fahrraddemonstrationen der Welt! Einige Ordner waren mir bekannt, man nickte sich zu. Bernd Zanke kenne ich nun schon länger. Mit ihm entwickelte sich schnell ein intensives Gespräch über die Vätternrunde und Probleme des Radfahrens im Berliner Norden.

Wie immer war die Fahrradsternfahrt ein Stelldichein aller erdenklichen Fahrradfahrer und -typen. Junge Männer mit selbstgeschweißten Fahrradungetümen thronten fast zwei Meter über der Straße und sorgten für Aufsehen. Mütter und Väter mit Kindern im Kindersitz auf dem Gepäckträger oder im Fahrradanhänger, durch Tücher und Stoffwindeln vor der gleißenden Sonne geschützt. Rennradfahrer auf ihren teuren Maschinen, Singlespeeder, Bonanzaräder etc. pp.

Das Deutsche Rote Kreuz hatte sich auf Fahrradveranstaltungen und -demonstrationen eingestellt und schickte nun schon im zweiten Jahr seine Ersthelfer mit komplett ausgestatteten DRK-Fahrrädern, Notfalltaschen und entsprechender Kleidung „ins Rennen“.

DRK-Radler

Probleme entstanden immer dann, wenn Teilnehmer sich oder die Leistungsfähigkeit ihrer mitradelnden Kinder überschätzten und – gerade bei der großen Hitze – ungenügend geschützt und mit Getränken ausgestattet mitfuhren. Einige erkannten dies und verließen den Demonstrationszug, manche versuchten, unter großer Kraftanstrengung, mitzuhalten. Die Sanitäter des DRK hatten heute vor allem Menschen mit Kreislaufproblemen zu betreuen.

Endlich: die Auffahrt zur Autobahn auf dem Südring. Mit ein paar anderen Ordnern versuchten wir, dafür zu sorgen, dass niemand zurückblieb und in den „Besenwagen“ steigen musste. Kurz nach der Einfahrt in den Tunnel dann der erste Unfall. Eine Frau war gestürzt, so dass sie nicht mehr weiterfahren konnte. Ihr Rad und das Liegerad ihres Begleiters wurden von uns eingeladen, die Fahrt konnte weitergehen. Allerdings „allein“.

Autobahntunnel

Eine Ordnerin und ich, dann noch die Polizeiautos und der Besenwagen mitten im Tunnel. Eine unwirkliche Situation. Wir gaben „Gas“, fuhren mit fast 40 Km/h durch den Tunnel, um den Anschluss halten zu können. Nach einigen Sternfahrt-Jahren, in denen ich mit einigen  Hundert oder gar Tausend Mitradlern den Tunnel durchfuhr war dies ein Erlebnis der besonderen Art.

Am Ausgang des Tunnels: auf der rechten Spur ein älterer Herr, der abzufallen drohte. Mein Angebot, ihn zu schieben, lehnte er höflich aber bestimmt ab, fuhr aber mit etwas höherer Geschwindigkeit weiter und hielt Anschluss. Bereits in Schöneberg angekommen fiel mir ein weiterer älterer Herr auf, der mit geringer Geschwindigkeit direkt vor den Einsatzfahrzeugen der Polizei herfuhr. Er nahm mein Angebot dankend an und genoss es sichtlich, von mir an den Demonstrationszug herangeschoben zu werden. Mit mehr oder weniger eigener Kraft erreichten so nahezu alle Teilnehmer das Ziel der Sternfahrt, den großen Stern und das Umweltfest der Grünen Liga am Brandenburger Tor.

Das Umweltfest: Henryk M. Broder, Renate Künast und ein Wahlversprechen

Wie jedes Jahr wartete das Umweltfest der Grünen Liga mit Ständen und Attraktionen zum Thema Fahrrad, Umweltschutz und Biofood auf. Auf der kleinen Bühne lief ein Kinderprogramm, auf der großen Bühne am Brandenburger Tor wurde Rockmusik geboten.

Die große Bühne am Brandenburger Tor

Die wirklichen Highlights spielten sich jedoch andernorts ab: an den Ständen der Parteien, die sich als Umweltschützer profilieren wollten oder auch auf dem Fest selber, das Politprominenz und Journalisten als Podium zu nutzen wussten.

Den Preis der besten Selbstdarstellung gebührte jedoch – nicht zum ersten Mal – Henryk M. Broder, der gemeinsam mit Hamed Abdel-Samad und einem eigenem Kamerateam das Umweltfest und die dort auftretende Prominenz unter die Lupe nahm. Eines seiner „Opfer“ wurde die Grünen-Bürgermeisterkandidatin Renate Künast, die er mit gekonnten Fragen zur späteren Nutzung des Flughafens Tegel in leichte Bedrängnis brachte. Krönender Abschluss des Gesprächs war ein „Abkommen“, das Henryk M. Broder und Renate Künast schlossen: auf die Frage, ob er die Grünen wählen würde antwortete er, dass er sie dieses Jahr wählen würde, wenn Frau Künast verspräche, nicht mit „der SED“ zu koalieren. Dieses „Wahlversprechen“ wurde von Renate Künast vor Zeugen, unter anderem dem Berliner ADFC-Vorstandsmitglied Bernd Zanke, mit von Herrn Broder medienwirksam in die Länge gezogenem Handschlag gegeben. An dieses Versprechen wird Frau Künast nach der Wahl sicher nicht nur von Herrn Broder erinnert werden.

Etwas später begnügte Herr Broder sich damit, sich Fahrräder anzusehen und herauszufinden, welche möglichst billig – oder wie der Verkäufer meinte – preiswert wären, um sich danach den Errungenschaften der italienischen Sattelindustrie zuzuwenden. Auf die Frage, ob er ein Fahrrad bräuchte antwortetet er: „Nein, aber einen Sattel!“ Was lag also näher, als ein Gruppenbild mit Sattel?

v.l.n.r.: Hamed Abdel-Samad, ein Sattel, Henryk M. Broder

Noch schien die Sonne und Broders Sonnenbrille konnte ihren Zweck erfüllen. Etwas später jedoch türmten sich erste Wolkenberge über den Festbesuchern auf. Der folgende Wolkenbruch bei fast 30 °C markierte dann etwas früh den Abschluss des Umweltfestes. Aufgrund unzureichenden Wassernachschubs von oben reichten die Wassermengen nicht aus, um zu nennenswerter Kühlung beizutragen. Den Weg ins heimische Weißensee mussten wir daher in subtropischem Klima zurücklegen.

Geschafft, aber zufrieden – und mit vielen neuen Eindrücken und Ideen im Gepäck.

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Veröffentlicht am 7. Juni 2011 in Berlin, Fahrradsternfahrt, Verkehrspolitik und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Cooler Bericht! Schön das die Fr. Künast sich zu solch einer Aussage, nicht mit der Linken zu koalieren, sofern sie Bürgermeistern wird, hat hinreissen lassen.
    Meide eigentlich die Demo, gerade weil ich mich nicht von der Polit/Gewerkschafts/Lobby-Posse instrumentalisieren lassen mag. Wenn man allerdings solch ein Standing wie der Broder hat und den Spiess umdreht und die Bühne für sich nutzt, dann ist das genial.
    Nice read! Thanks!