Toter Winkel

Wie passend. Leider. Ältere Erwachsene kennen ihn aus der Fahrschule oder ihrer eigenen Fahrpraxis, Kinder lernen ihn heute bereits in der Grundschule kennen: den toten Winkel. Das Wort „tot“ hat hier zwei naheliegende Bedeutungen: das, was sich in ihm befindet ist für den Fahrer nicht existent, also quasi „tot“. Fährt ein LKW dann um eine Ecke und kreuzt dabei den Weg eines anderen Verkehrsteilehmers, egal ob Radfahrer oder Fußgänger: dann erzeugt der tote Winkel tatsächlich eine tödliche Gefahr für den Schwächeren.

Aktionen wie diese, die beispielsweise das Bezirksamt Pankow mit Polizei, Bundeswehr und Schulen durchführt, sollen Schülerinnen und Schüler für die Gefahr sensibilisieren, die von LKWs ausgeht. Der tote Winkel wird durch Absperrbänder markiert: alles, was sich innerhalb dieser Absperrung befindet, ist für den Fahrer unsichtbar. Auch mehrere Rückspiegel helfen nicht, den toten Winkel komplett auszuschalten. Dass es sich bei dieser Gefahr nicht nur um eine theoretische Größe handelt wurde gerade wieder auf tragische Weise bewiesen.

Kritiker dieser Aktionen werfen den Veranstaltern solcher Aktionen vor, die Schuldfrage umzukehren und die Verantwortung der Politik nicht ausreichend herauszustreichen. Streng logisch betrachtet haben sie sogar Recht damit. Dennoch befürworte ich diese Maßnahme.

Warum?

  • LKWs werden als potenziell tödliche Fahrzeuge benannt
  • Kinder und Jugendliche erleben eine Gefahr, die ihnen häufig vorher nicht bewusst war
  • Sie werden dadurch in die Lage versetzt, diese Gefahr auch im Alltag einzuschätzen und ihr zu entgehen

Ich beschreibe den Nutzen gern mit einem Vergleich: Der New Yorker Central Park gilt als Ort, der nachts besser nicht besucht werden sollte. Dadurch, dass viele New Yorker den Park nachts meiden, wird er nicht sicherer – aber die Menschen schützen sich somit vor dort möglicherweise wartenden Gefahren. Ähnlich verhält es sich mit LKWs, ihrem toten Winkel und der Gefahr, die von ihnen – oder besser ihren oft überlasteten Fahrzeugführern – ausgeht:

Jeder Verkehrsteilnehmer kann darauf beharren, sein Recht durchzusetzen und geschützt zu wissen: dadurch, dass man sich nicht versteckt und seine Rechte einfordert, wird man häufig erst wahrgenommen. In vielen Fällen ist das auch sinnvoll. Es bei einem möglichen Konflikt mit einem LKW herauszufordern, scheint mir töricht. Ein Radfahrer oder Fußgänger, der vom Führer eines abbiegenden LKWs nicht wahrgenommen wurde, kann nur dann sicher sein, nicht schwer verletzt zu werden, wenn er vorausschauend auf sein Recht verzichtet. Hier gilt tatsächlich: der Klügere gibt nach.

Die nach tödlichen Unfällen mit LKW-Beteiligung häufig geforderte Ausrüstung aller LKW mit dem fortschrittlichen Dobli-Spiegel, der den toten Winkel minimiert, ist ein erster Schritt, der notwendig wäre, um den LKW-Verkehr sicherer zu machen. Umbaumaßnahmen an vielen Kreuzungen wären ein nächster Schritt. Dennoch reicht dies nicht aus, wenn ein Lastwagenfahrer wegen Überlastung – oder schlimmer noch aus Gleichgültigkeit – den Blick in den / die Spiegel unterlässt. Größtmögliche Sicherheit wird es nach wie vor nur dann geben, wenn man als Radfahrer speziell in Bezug auf LKW generell auf der Hut ist und sich nicht auf Maßnahmen der Politik und/oder die Aufmerksamkeit des Fahrzeugführeres verlässt..

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Veröffentlicht am 12. April 2011 in Berlin, Verkehrsunfall und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Ein Artikel des Tagesspiegel über den tödlichen Unfall in der Kiefholzstraße Unfallschwerpunkt trotz Fahrradspur

  2. Puh, dass der Winkel sooo groß ist, vor allem nach hinten raus, hätte ich auch nicht gedacht. Und das Beispiel zeigt ja einen eher kleineren Lkw.

    Aus Selbstschutz sollte man bei Lkw höllisch aufpassen. Aber letztendlich muss sich da etwas verbessern, technisch bei den Lkw (oder durch Beifahrer) und auch bei der Verkehrsführung.

  3. Hier ein Beispiel aus Freiburg, wie an dieses Problem herangegangen werden kann: Trixi-Spiegel