Bericht aus Weißensee: Fahrradkontrollen in der Stadt

Prinzipiell halte ich Kontrollen bei allen Verkehrsteilnehmern für sinnvoll. Bei Beleuchtungsaktionen des ADFC fällt immer wieder auf, wie viele Mängel an Fahrrädern auf unseren Straßen vorhanden sind. Viele Radfahrer wissen dabei nicht, welche Ausstattung vorgeschrieben bzw. sinnvoll ist oder kennen die Defekte ihres Rades nicht. Die Berliner Polizei kontrolliert gerade in der gesamten Stadt Fahrradfahrer und Fahrräder:

Reflektieren über Reflektoren

Mit der Polizei auf Radfahrerkontrolle

Freundliche Hinweise, fragliche Vorschriften – und kein Blick für die Autofahrer: Eine Woche lang kontrolliert die Berliner Polizei verstärkt Radfahrer. Den Radfahrerclub ADFC erzürnt die Prioritätensetzung bei der Auswahl der Orte.

via Tagesspiegel

Der verlinkte Artikel des Tagesspiegel über eine Fahrradkontrolle in Berlin-Weißensee zeigt leider, dass auch die Polizei häufig nicht über das notwendige Know-How verfügt, um Radfahrer sinnvoll zu kontrollieren oder gar zu beraten. Ich selber wurde im letzten Jahr bei einer Kontrolle in der Rennbahnstraße von höflichen – aber völlig uneinsichtigen – Polizeibeamten fehlerhaft über eine angeblich vorhandene Radwegebenutzungspflicht belehrt. Vielleicht wäre eine Kontrolle der Kontrolleure – mit anschließender Schulung durch wirkliche Fachleute – sinnvoll?

Aktuelle Informationen über die Standorte der Kontrolleure veröffentlicht BikeBerlin auf Twitter.

Hier die Stellungnahme des ADFC Berlin zu den Kontrollen:

Radfahrer aufgepasst
Schwerpunktkontrollen der Polizei

Der ADFC Berlin fordert die Berliner Polizei auf, ihre Verkehrskontrollen zur Verhinderung von Radunfällen auf Unfallursachen zu richten, die zu schweren und tödlichen Verletzungen führen. Vom 5. April bis 12. April will die Polizei Berlin das unzulässige Befahren von Gehwegen und Fußgängerzonen durch Radfahrer und das Fahren auf Radwegen in falscher Fahrtrichtung kontrollieren. Beides sind Regelverstöße und sollten beanstandet werden. Wichtiger aber wäre es, Unfallursachen zu bekämpfen, die schwere und tödliche Folgen haben.

Die Missachtung der parallel fahrenden Radfahrer durch Kfz beim Abbiegen ist das Fehlverhalten, welches mit knapp 20 % Anteil hauptverantwortlich für Verunglückte bei Radunfällen ist. An zweiter Stelle steht mit rund 9 % Anteil ein Fehlverhalten von Radfahren: Das falsche oder verbotene Benutzen der Fahrbahn. Dieses Fehlverhalten ist somit für etwa halb so viele Verunglückte verantwortlich wie Abbiegefehler von Kfz. Soll die Unfallzahl mit schweren und tödlichen Folgen gesenkt werden, müssen die Verkehrskontrollen der Berliner Polizei das Fehlverhalten von Führern von Kfz/Lkw beim Rechts-Abbiegen und auch das falsche Verhalten der Radfahrer beim Einfahren in den Fließverkehr kontrollieren. „Wir verstehen nicht, warum die Berliner Polizei versäumt, Unfallursachen zu kontrollieren, die schwere Folgen haben.“, sagt Sarah Stark, Landesvorsitzende des ADFC Berlin. „Die Kontrolle des Schulterblicks muss Schwerpunkt der Verkehrskontrollen zur Verhinderung von Radunfällen sein.“, so Stark weiter.

Radunfälle mit Verunglückten werden zu fast 60 % von Kfz und zu etwa 40 % von Radfahrern verursacht, wobei – unabhängig vom Verschulden – die Personenschäden zu etwa 90 % bei den Radfahrern auftreten. Die Hälfte der im Jahr 2010 tödlich verunglückten Radfahrer starben, weil sie von rechts abbiegenden Lkw-Fahrern ‚übersehen‘ wurden. Daher ist es für den ADFC Berlin unverständlich, dass der rettende Schulterblick nicht Gegenstand der Berliner Polizeikontrollen zur Verhinderung von Radunfällen ist. Die bisherigen Schwerpunktkontrollen der Polizei führten zu keiner merklichen Verbesserung der Unfallsituation. Dennoch hält die Polizei an ihrer bisherigen Prüfpraxis fest. Stark meint: „Es ist Zeit, die Polizeikontrollen der Unfallsituation anzupassen, damit zukünftig schwere und tödliche Unfallfolgen verhindert werden können.“

(Pressemitteilung 06/2011 des ADFC Berlin, Berlin, den 04. April 2011)

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Veröffentlicht am 8. April 2011 in Berlin und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Also bei uns ist fast überall Spielstraße (also Schrittgeschwindkeit bzw 6km/h) und kaum einer fährt langsamer als 30. Manche brettern auch mit 50 hier lang, gern auch Taxifahrer. Aber stattdessen wird Radfahrern nachgestellt die sich wie ich finde zurecht auf den Bürgersteig flüchten.

    Dann gibts hier einen Trimm-Dich-Pfad und eine Fußgängerbrücke über die sogar Mofas fahren, teils mit 30 obwohl da selbst Radfahrer mit Barrieren am Schnell fahren gehindert werden.

    Fast jeden Tag überholen mich hier Mofas. Aber der Radfahrer ist halt am einfachsten zu kriegen und am leichtesten zu unterdrücken, schließlich haben sie die schwächste Lobby.

    Ich hab ein meiner Straße noch nie eine Geschwindkeitskontrolle gesehen seit hier Spielstraße ist.

  2. Hallo Tadeusz,
    hier gebe ich dir mal nicht Recht. Es mag subjektiv manchmal so wirken, als würde der Autoverkehr nicht kontrolliert. Es gibt aber (zum Glück) häufiger Kontrollen, als es manchem Autofahrer lieb ist. Mal abgesehen davon, dass Kraftfahrzeuge eine HU benötigen, die Räder nicht brauchen.
    Diese Aktion zum Radverkehr läuft alle paar Monate mal – die Anzahl der Kontrollen ist, wenn man den Zustand vieler Räder betrachtet, immer noch zu gering. Natürlich ist es albern, wenn man sich um die Farbe von Reflektoren streitet und peinlich, wenn die Beamten die elementaren Verkehrsregeln in Bezug auf das Rad nicht kennen. Aber das ist nur ein Grund für die Schulung der Beamten, nicht ein Grund für die Abschaffung von Kontrollen.

    Zum Thema Radfahrer, die sich „zurecht auf den Bürgersteig flüchten“: das kann ich bestenfalls bei Kindern und Senioren nachvollziehen. Ich fahre jeden Tag, immer auf der Straße. Geflüchtet bin ich noch nie. Das verlagert nur den Druck und die Gefährdung auf die noch Schwächeren: Kinder und ältere Fußgänger, die von „flüchtenden“ Radfahrern gefährdet werden. Und wohin sollen sie flüchten?

  3. Ich denke es wird hier mit zweierlei gemessen. Außerdem versteht es sich von selbst, dass auf dem Bürgersteig die Geschwindigkeit angepasst wird. Dann gibt es auch kein Problem und niemand muss flüchten. Leben und leben lassen. Ich habe weit mehr Probleme mit Radfahrer die auf der Straße fahren übrigens und meinen Hund ignorieren und einfach weiter fahren wenn ich die Straße überquere.
    Solche Radfahrer fahren auch in der Spielstraße über 30. Trotzdem geht bei weitem die meiste Gefahr von Leib und Leben von Autos aus, die Statistik ist da auch etwas unzulänglich um das zu demonstrieren.