Radler-Bashing in BILD

… titelt Rad-Spannerei blog. Und die Taz toppt das Ganze: „Aufstand im Dunkeln“!

Was passiert hier? Endlich wieder klare Feindbilder? Die Wiederherstellung des alten Gut-und Böse-Feindbildes? Oder habe ich einfach etwas verschlafen?

Worum es geht: der ADAC hat sich mal um „uns“ Radfahrer gekümmert und in einer Stichprobe das festgestellt, was wir leider täglich erleben: Radfahrer, die ohne ausreichende Beleuchtung unterwegs sind.

Für die BILD ein gefundenes Fressen: aus der Stichprobe wurde gleich eine Studie, aus (sich primär selbstgefährdenden) falsch verhaltenden Radfahrern „Rad-Rowdys“ und zitiert auch gleich einen Experten: der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft stellt fest: „Man kann auch mit dem Fahrrad jemanden töten“.

Sachliche Analyse bzw. Ursachenforschung: Fehlanzeige. Gut, nichts anderes erwartet man von der BILD. Die Taz wittert jedoch den Beginn eines neuen Klassenkampfes. Die armen Ausgebeuteten (hier die Radfahrer) gegen die bösen Ausbeutenden (hier die Autofahrer):

„Auf durchlöcherte Radwege und Minispuren abgedrängt, verkehrspolitisch marginalisiert und im Verkehrsalltag immer mit einem Bein im Krankenhaus, rebelliert der Radfahrer auf seine Art und Weise: Er kündigt der Straßenverkehrsunordnung die Gefolgschaft auf.“

Nein, noch fliegen im Straßenverkehr keine Mollis, aber von dieser Erkenntnis bis zur Schlussfolgerung, dass die Kreuzberger Auto-Abfackler nichts anderes sind als die RAF der Radfahrer ist es nicht weit.

Was sowohl die BILD wie auch die TAZ in schöner Betriebsblindheit übersehen ist, dass das Problem nicht Vertreter eines Hardcore-Prekariats oder der „bösen“ Fixie-Szene sind, sondern radfahrende Menschen wie du und ich. Alle von ihnen sind Fußgänger, die meisten wahrscheinlich sogar Autofahrer. Und verhalten sich in ihrer jeweiligen Rolle häufig auch völlig unterschiedlich: als Autofahrer angepasst und darauf bedacht, nicht bei Regelübertretungen erwischt zu werden, als Radfahrer hingegen oft bar jeglichen Unrechtsbewusstseins.

Soziologische Erklärungsversuche spare ich mir hier, auch wenn dies sicher ein spannendes Forschungsgebiet wäre. Auch Lösungen aufzuzeigen erscheint mir schwer bis vergebens: jede(r) muss für sich selber entscheiden, welche Rolle sie /er im gesellschaftlichen Leben und damit auch im Straßenverkehr einnehmen will. Für mich ist die Konsequenz, mich möglichst korrekt zu verhalten und andere Radfahrer auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Oberlehrerhaft? Mag sein. Auch „hilflos“ passt. Aber besser als sich ärgern und wegschauen.

Hier noch die Links zu den Originalbeiträgen:

http://www.bild.de/BILD/politik/2009/11/16/adac-studie-radfahrer/jeder-zweite-ist-ein-verkehrsrisiko.html

http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/aufstand-im-dunkeln/

Ihr/Euer BikeBlogger

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Veröffentlicht am 19. November 2009 in Allgemeines und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Bei einem Abschnitt muss ich widersprechen: „als Autofahrer angepasst und darauf bedacht, nicht bei Regelübertretungen erwischt zu werden, als Radfahrer hingegen oft bar jeglichen Unrechtsbewusstseins.“

    Radfahrer und Autofahrer machen Fehler ohne Unrechtsbewusstsein. Keiner steht dem anderen nach. Lediglich die Art der Regelüberschreitungen unterscheidet sich – bei Radfahrern Gehwegfahrerei, rote Ampeln, kein Licht. Bei Autofahrern Raserei, mangelnder Überholabstand, unachtsames Rechtsabbiegen.

  2. Roland Brühe

    Danke für den Beitrag! Da vermischt „die Presse“ Äpfel mit Birnen. Insbesondere von der taz hätte ich da eine etwas differenziertere Meinungsäußerung (Kommentar) erwartet, was allerdings auch einige der Leser in ihren Kommentaren äußern. Allerdings wirklich nur einige. Andere sind wohl der Ansicht, dass aufgrund der nicht fahrradfreundlichen Verkehrsverhältnisse die Regeln des Straßenverkehrs aufgehoben sind. Das Fahren ohne Licht bei Dunkelheit oder das Überfahren roter Ampeln aufgrund nicht am Fahrrad orientierter Verkehrsverhältnisse zeugt nicht von einer sachlichen Auseinandersetzung sondern vielmehr vom Rechtfertigen des eigenen Handelns aus Bequemlichkeit oder Gedankenlosigkeit.

    Im Grunde ist dies für mich ein Spiegelbild des zeitgenössischen Lebens und Verhaltens: Es geht nicht mehr um ein respektierendes Miteinander in der Gesellschaft sondern nur noch um die Dominanz der eigenen Person. Dabei sind wir auf ein respektvolles Verhalten aller angewiesen.

    Was ich mir von Dir noch abgucken kann: Andere auf ihr Fehlverhalten hinweisen. Ich finde das vorbildlich. In der Regel bin ich aber zu feige oder habe Angst, als oberlehrerhaft kategorisiert zu werden. Da wünsche ich mir mehr Mut, insbesondere andere Radfahrer auf ihr gefährdendes Fehlverhalten hinzuweisen.

    • Ich komme mir manchmal schon blöd dabei vor. Aber die Regelung des Straßenverkehrs komplett an Polizei oder Ordnungsamt abzugeben ist für mich der falsche Weg. Es geht um Gemeinsinn. Dieser lässt sich nicht durch Maßnahmen „von oben“ erreichen, sondern dadurch, dass Bürger einander auf Fehler hinweisen – ohne sich gleich zu Hilfsheriffs aufzuschwingen. Meine Standardsätze sind: „Auch für uns gelten rote Ampeln“ bzw. „Dort ist kein Radweg.“. Ob es etwas nutzt? Keine Ahnung.

  3. Ich schließe mich Bikeblogger an. Oft glaube ich das Wort Hilfssheriff wird benutzt um die, die sich noch einsetzen mundtot zu machen. Trotzdem Augen auf und Hinweisen, auch wenn es dann manchmal hoch hergeht und man lieber seine Ruhe hätte.